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Sprachliches Framing

Das sprachliche Framing bezeichnet eine verbale Ebene der Organisation von ästhetischer Erfahrung in den Wahrnehmungsdispositiven. Es konditioniert die Wahrnehmung der Teilnehmenden dahingehend, dass sie sich gezielt mit bestimmten Aspekten des in einem Wahrnehmungsdispositiv präsentierten auditiven und visuellen Materials auseinandersetzen. Das Sprachliche Framing fördert ein aktives und qualitatives Umgehen mit dem Material sowie die Interaktion zwischen den Teilnehmenden. Der Zugang zu ästhetischen Artefakten beinhaltet in der Regel eine unmittelbare Attribution und Beurteilung des Gesehenen und Gehörten. Mittels des sprachlichen Framings soll diese unmittelbare Beurteilung abgebremst und ein nicht-wertender Zugang ermöglicht werden, der in der Beobachtung und Beschreibung bleibt.

Der Moderator, welcher durch das Wahrnehmungsdispositiv führt, richtet sich je nach Struktur zu Beginn oder während des Verlaufs mit einer Anweisung an die Teilnehmenden. Die Anweisung kann in mündlicher oder schriftlicher Form erfolgen. Die Nutzer reagieren, indem sie sich während des Hörens und Sehens Notizen machen, oder sie teilen ihre Beobachtungen mündlich mit. Schreiben und Sprechen während des Hörens und Sehens bilden einen ersten Schritt zur sprachlichen Artikulation der ästhetischen Erfahrung.

Der Fokus der Aufmerksamkeit der Teilnehmenden soll sich durch gezielte Fragen bzw. Anweisungen auf je spezifische Aspekte der präsentierten Fotografien und Schallaufnahmen richten. Ein analytisches, auf Objekte, Parameter und Verhältnisse ausgerichtetes Hören und Sehen bewegt sich auf der strukturellen Ebene: Welche Objekte und Klänge können identifiziert werden, wie verhalten sich Massstäblichkeiten und Proportionen? Steht dagegen das Feld der Konnotationen und Bedeutungszuschreibungen im Zentrum, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf Assoziationen und Atmosphären. Der Übergang zwischen den Ebenen ist dabei fliessend, die Erfahrung räumlicher Qualität an einem konkreten Ort, in einem bestimmten Gebiet entsteht über das Zusammenwirken aller Bereiche.

Ausgangspunkt für die Formulierung der Sprachintervention in einem konkreten Wahrnehmungsdispositiv bildete ein Set von Fragen bzw. Anweisungen. Nachfolgend sind Auszüge aus diesem Set beispielhaft vorgestellt.

Offene Beschreibung
Beschreiben Sie, was Sie hören.
Beschreiben Sie, was Sie sehen.

Fragen zum Feld des Assoziativen
Beschreiben Sie die Stimmung an diesem Ort.
Was für eine Art Ort ist das?
Welche Assoziationen weckt dieser Ort?
Was könnte hier passieren, was nicht?
Wer könnte sich hier aufhalten, wer nicht?
Wo könnte dieser Ort sein, wenn er nicht in Schlieren wäre?

Fragen zur strukturellen Ebene im Auditiven
Benennen Sie einzelne Klänge.
Welches sind die häufigsten Klänge?
Welches sind die präsentesten Klänge?
Welches sind die wichtigsten Klänge?
Gibt es überraschende Klänge?
Gibt es nicht passende Klänge?
Wie hoch ist die Klangvielfalt?
Sind Klangmuster erkennbar?
Wie ist das Verhältnis zwischen lauten und leisen Klängen?
Wie ist das Verhältnis zwischen nahen und fernen Klängen?
Wie ist das Verhältnis zwischen kontinuierlichen und punktuellen Klängen?
Wie ist das Verhältnis zwischen wiederkehrenden und isoliert auftretenden Klängen?

Fragen zur strukturellen Ebene im Visuellen
Beschreiben Sie die Objekte, die Sie sehen.
Was wissen Sie über diese Objekte?
Welches sind die interessantesten Objekte?
Gibt es nicht passende Objekte?
Gibt es überraschende Objekte?
Wie hoch ist die Vielfalt an Formen und Farben?
Wie hoch ist die Vielfalt an Materialien und Texturen?
Wie ist das Verhältnis zwischen Grossflächigem und Kleinteiligem?
Wie ist das Verhältnis zwischen Vordergrund und Hintergrund?
Wie ist das Verhältnis zwischen Leere und Fülle?
Wie ist das Verhältnis zwischen benutzt und nicht-benutzt?
Wie ist das Verhältnis zwischen neu und alt?

Fragen zur Raumqualität
Welches sind die präsentesten Qualitäten?
Welche Qualitäten würden Sie verstärken?
Welche Qualitäten würden Sie abschwächen?
Welche Qualitäten vermissen Sie?

M.W.

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