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Struktur der Wahrnehmungsdispositive

In einem Wahrnehmungsdispositiv wird das auditive und visuelle Material in einer bestimmten Struktur organisiert. Im Forschungsprojekt wurden unterschiedlich strukturierte Dispositiv-Typen entwickelt. Ausgangspunkt für die Konzeption der Struktur bildeten die Möglichkeiten der Auswahl und Kombination von Fotografien und Schallaufnahmen aus den Archiven der auditiven und fotografischen Langzeitbeobachtungen Schlieren. Je nach Struktur wird auditives oder visuelles Material eingesetzt oder sequentiell (bzw. simultan) kombiniert. Die Kombination erfolgt so, dass Fotografie und Klang als zwei unterschiedliche mediale Erschliessungsformen erkennbar bleiben: Es soll keine als einheitlich wahrgenommene audiovisuelle Repräsentation von Stadtraum entstehen. Einzelne Schallaufnahmen und Fotografien, Bildpaare bzw. Paare von Schallaufnahmen oder Serien von Fotografien bzw. Schallaufnahmen werden installativ im Raum präsentiert. Technisches Equipment, Mobiliar sowie benötigte Hilfsmittel werden als integrale Bestandteile dieser Installation behandelt.

Das Hören und Sehen dieses Materials wird als performativer Ablauf gestaltet. Dieser legt Betrachtungs- und Hördauer sowie Zeitpunkt und Form des sprachlichen Framings fest. An der Durchführung eines Wahrnehmungsdispositivs beteiligt sind die Teilnehmenden, die anhand des Dispositivs einen Zugang zum ästhetischen Raum gewinnen wollen (im vorliegenden Projekt die Vertreter der Stadt Schlieren und von Metron Raumentwicklung AG), ein Moderator, welcher in den Gebrauch des Dispositivs einführt, sowie ein Operator für die Bedienung der Technik (diese Funktionen übernahmen die Mitglieder des Projektteams von ZHdK/IFCAR und UdK Berlin/AARU). Im Rahmen der Entwicklung der Wahrnehmungsdispositive wurde zudem die Position eines Beobachters eingeführt, welcher den Prozess der sozialen Interaktion unter den Teilnehmenden verfolgte.

Die Struktur eines Dispositivs definiert folgende Elemente:

  • Art des verwendeten auditiven und/oder visuellen Materials
  • Präsentationsformat
  • Installation im Raum
  • Positionierung der Teilnehmenden
  • zeitlicher Ablauf der Nutzung
  • sprachliches Framing


Ziel dieser präzisen Strukturierung ist eine intensive, qualitative Auseinandersetzung mit den präsentierten Fotografien und Schallaufnahmen. Der Einsatz von je andersartigen räumlichen und zeitlichen Konfigurationen soll unterschiedliche Formen von Sehen und Hören ermöglichen. Je nach Organisation eines Dispositivs können differierende Formen von Aufmerksamkeit generiert werden. Die Teilnehmenden agieren auf vielfältige Weise mit dem Material und aktivieren verschiedene Formen der ästhetischen Wahrnehmung.

 

Dispositiv-Typen

Wahrnehmungsdispositive wurden sowohl für den Innenraum als auch für den Aussenraum in Schlieren entwickelt. Im Aussenraum arbeiten die Teilnehmenden mittels mobiler Präsentationsformate im Stadtraum. Hier ist das Wechselspiel zwischen der sinnlichen Erfahrung direkt vor Ort und den über Fotografien und Schallaufnahmen erschlossenen Aspekten ästhetischer Erfahrung zentral.

Ein Dispositiv-Typ beschreibt modellhaft eine bestimmte Struktur, welche anhand von unterschiedlichen Materialien aus verschiedenen Stadtgebieten oder Aufnahmejahren konkretisiert werden kann. Wahrnehmungsdispositive erschließen Aspekte einzelner Standorte, bestimmter Areale oder beziehen sich auf den Stadtraum insgesamt. Im Forschungsprojekt wurden insgesamt 20 verschiedene Dispositiv-Typen entwickelt. Eine Auswahl davon wurde für die Workshops in den Projekträumen in Schlieren realisiert. Nachfolgend werden ausgewählte Dispositiv-Typen beispielhaft dargestellt.

Dispositiv Typ 04

Material:
Eine Fotografie und eine Schallaufnahme vom selben Aufnahmestandpunkt.

Installation und Präsentation:
Die Fotografie ist als 180 cm breiter Inkjet-Print auf eine weisse Spanplatte montiert. Diese steht leicht schräg an die Wand gelehnt auf dem Boden. Links und rechts des Bildes sind zwei Lautsprecher auf Stativen positioniert. Stühle für die Teilnehmenden und den Moderator sind in einem Betrachtungsabstand von 180 cm in einer Reihe vor dem Bild platziert. Operator und Beobachter befinden sind hinter der Stuhlreihe bei Computer und Mischpult.

Ablauf:
Während 15 Minuten betrachten die Teilnehmenden das Bild und hören gleichzeitig ab Lautsprecher die Schallaufnahme. Nach Ablauf der Hälfte der Zeit erfolgt ein kurzer Unterbruch für das sprachliche Framing. Der Moderator stellt mündlich Fragen zum Gehörten und Gesehenen, und fordert die Nutzer auf, sich in der zweiten Hälfte des Dispositivs zu diesen Fragen Notizen zu machen.

Konzeptionelle Überlegungen:
Die Beschränkung auf ein einzelnes Bild und eine einzelne Schallaufnahme soll die differenzierte Auseinandersetzung mit einem konkreten Ort im Stadtraum zu einem bestimmten Zeitpunkt ermöglichen. In der simultanen Kombination von Bild und Klang kontrastiert die Dynamik der Schallaufnahme mit der Fotografie als statisches, unbewegtes Bild. Diese Form der Kombination betont die unterschiedliche Zeitlichkeit der beiden Medien: die daraus resultierende Spannung kann als produktive Irritation wirken. Die lange Nutzungsdauer ermöglicht unterschiedliche Formen der Fokussierung auf das Material: imaginatives Erkunden der Atmosphäre, Konzentration auf einzelne Objekte oder Geräusche, Beobachtung allfälliger Veränderungen in der eigenen Wahrnehmung im Verlauf der Nutzung.

Dispositiv Typ 03

Material:
Zwei Schallaufnahmen von unterschiedlichen Aufnahmestandpunkten.

Installation und Präsentation:
Gegenüber einer leeren Wand ist im Abstand von 200 cm eine Stuhlreihe für die Nutzer und den Moderator aufgestellt. Für jeden Teilnehmer stehen ein Paar geschlossene Kopfhörer zur Verfügung. Operator und Beobachter sind hinter der Stuhlreihe bei Computer, Mischpult und Verstärker positioniert.

Ablauf:
Die Teilnehmenden hören über Kopfhörer während 15 Minuten Aufnahme 1. Nach 5 Minuten erfolgt während des Abspielens schriftlich das sprachliche Framing: Eine Liste von Fragen mit der Aufforderung, sich während des Hörens zu diesen Fragen Notizen zu machen. Anschliessend wird das gleiche Vorgehen während 15 Minuten mit Aufnahme 2 durchgeführt.

Konzeptionelle Überlegungen:
Das aufeinanderfolgende, vergleichende Hören von zwei verschiedenen Aufnahmen schärft die bewusste Erfahrung der je eigenen Qualitäten am einzelnen Standort und der unterschiedlichen Assoziationsfelder, die sich über das Hören eröffnen können. Der Nutzer ist über den Kopfhörer akustisch von der Umgebung abgekoppelt und kann sich ganz auf seinen eigenen Hörraum konzentrieren. Geschlossene Kopfhörer ermöglichen eine differenzierte Wahrnehmung auch nuancierter klanglicher Differenzen. Insbesondere erlauben sie eine präzise Wiedergabe des Raumgefühls des 360°-Radius der Kunstkopf-Schallaufnahme. Das sprachliche Framing soll zwei unterschiedliche Phasen des Hörens entstehen lassen: Nach einer offenen ersten Phase geben die gestellten Fragen konkrete Anhaltspunkte, worauf beim Hören einer Schallaufnahme geachtet werden kann.

Dispositiv Typ 02

Material:
Zwei Fotografien vom selben Aufnahmestandpunkt, aus verschiedenen Aufnahmejahren.

Installation und Präsentation:
Die beiden Fotografien sind als 180 cm breite Inkjet-Prints je auf eine Spanplatte montiert. Die Spanplatten stehen an zwei Wänden links und rechts leicht schräg gestellt auf dem Boden. Es sind drei Betrachterpositionen vorgegeben: Eine Stuhlreihe für Teilnehmende, Moderator und Beobachter vor Bild 1 in einem Betrachtungsabstand von 180 cm; eine Stuhlreihe vor Bild 2 im gleichen Abstand; die Stuhlreihe so gestellt, dass beide Bilder gleichzeitig betrachtet werden können.

Ablauf:
Während 15 Minuten betrachten die Teilnehmer Bild 1, Bild 2 ist dabei verdeckt. Nach 4 Minuten offenen Sehens gibt der Moderator Anweisungen zur Beschreibung, die Nutzer reagieren mündlich während der weiteren Betrachtung des Bildes. Anschliessend erfolgt während 15 Minuten das gleiche Vorgehen vor der Bild 2. Nach dem Wechsel auf Betrachterposition 3 folgt eine neue, anders ausgerichtete sprachliche Anleitung, während 15 Minuten werden beide Bilder gleichzeitig betrachtet.

Konzeptionelle Überlegungen:
Die lange Nutzungsdauer soll die differenzierte Auseinandersetzung mit den für einen bestimmten Standort charakteristischen Veränderungsprozessen im gewählten Zeitrahmen ermöglichen. In der Betrachtung der Bilder einzeln wird der Standort zu den zwei unterschiedlichen Aufnahmezeiten als je ein Ort mit spezifischen Qualitäten erfahrbar. Im direkten Vergleich richtet sich der Fokus dagegen auf Ausmass und Art der Veränderungen. Die Bildgrösse und der nahe Betrachtungsabstand fördern die Aufmerksamkeit für die Bedeutung auch kleiner Bildgegenstände. Dies erlaubt eine differenzierte Wahrnehmung von sowohl gross- als auch kleinmassstäblichen Veränderungen.

Dispositiv Typ 14

Material:
Eine Schallaufnahme, Stadtplan mit Markierung des Aufnahmestandpunktes dieser Aufnahme.

Installation und Präsentation:
Der Teilnehmer positioniert sich anhand des Plans im Aussenraum genau auf dem Aufnahmestandpunkt der Schallaufnahme. Er trägt geschlossene Kopfhörer, die an einen MP-3 Player angeschlossen sind. Seine Augen sind mittels einer Schlafmaske verdeckt. Der Operator/Moderator steht direkt neben dem Teilnehmer und bedient den MP-3 Player.

Ablauf:
Während fünf Minuten hört der Teilnehmer über die Kopfhörer die Schallaufnahme. Anschliessend schaltet der Operator den Ton aus, der Nutzer hört mit weiterhin verdeckten Augen während 5 Minuten den Live-Ton vor Ort. Das sprachliche Framing erfolgt während des Hörens des Live-Tons, der Moderator notiert sich die Äusserungen des Teilnehmers zu den beiden Hörerfahrungen.

Konzeptionelle Überlegungen:
Der Vergleich von Schallaufnahme und Live-Ton macht für einen Standort spezifische Veränderungen im realen Stadtraum erfahrbar und soll eine unmittelbare sinnliche Erfahrung der Qualitäten dieses Standortes ermöglichen. MP-3 Player erlauben ein mobiles Arbeiten mit Schallaufnahmen im Aussenraum. In Kombination mit geschlossenen Kopfhörern kann vor Ort ein eigener, autonomer Klangraum erzeugt werden. Das Hören der Schallaufnahmen mit geschlossenen Augen soll die vollständige Konzentration auf diesen Klangraum der Aufnahme ermöglichen, ohne dass sich der medial vermittelte auditive und der reale, visuell wahrgenommene Raum überlagern. Das Hören des Live-Tons mit weiterhin geschlossenen Augen erhält diese Konzentration auf das Auditive.

Dispositiv Typ 09

Material:
Bildserien von 30 Standpunkten aus dem gesamten Stadtgebiet, je mit allen vorhandenen vier Fotografien von einem Aufnahmestandpunkt aus den verschiedenen Jahren

Installation und Präsentation:
Vier Monitore sind nebeneinander auf einem Tisch aufgebaut. Die Stühle für Teilnehmer, Moderator/Operator und Beobachter sind in einer Reihe davor platziert. Der Betrachtungsabstand ist so gewählt, dass alle vier Monitore gleichzeitig betrachtet werden können.

Ablauf:
Alle vier vorhandenen Aufnahmen von einem Aufnahmestandort sind gleichzeitig auf den Monitoren zu sehen, chronologisch in der Reihenfolge ihrer Entstehung von links nach rechts. Nach 30 Sekunden erfolgt der Wechsel zur Aufnahmeserie des nächsten Standpunkts. Nach jeweils 4 Standpunkten erscheint als kurze Pause ein Schwarzbild. Das sprachliche Framing erfolgt mündlich zu Beginn, die Teilnehmenden machen sich während der Betrachtung Notizen.

Konzeptionelle Überlegungen:
Der Vergleich der Bildserien von verschiedenen Standpunkten soll das unterschiedliche Tempo und den unterschiedlichen Grad an Veränderung in den verschiedenen Stadtgebieten in Schlieren wahrnehmbar machen. Der Einsatz mehrerer Monitore ermöglicht ein vergleichendes Sehen der Bildserien von den verschiedenen Standpunkten. Je nach Standpunkt kann sich die Aufmerksamkeit auf Veränderungen in der gesamträumlichen Situation oder im Detail richten. Die Abfolge der Serien hintereinander soll das Prozesshafte räumlichen Wandels, die kontinuierliche „Bewegung“ von gebautem Stadtraum sichtbar machen.

Dispositiv Typ 06

Material:
Drei mal zwei Schallaufnahmen von sechs unterschiedlichen Aufnahmestandpunkten.

Installation und Präsentation:
Vor zwei gegenüberliegenden Wänden sind je zwei Lautsprecherpaare auf Stativen aufgestellt. Zu jedem Lautsprecherpaar ist die optimale Hörposition („sweet spot“) am Boden markiert. Der Operator/Moderator positioniert sich an der dritten Wand bei Computer und Mischpult.

Ablauf:
Während 5 Minuten wird von jedem Lautsprecherpaar gleichzeitig eine Schallaufnahme abgespielt. Die Teilnehmenden hören stehend, und werden aufgefordert, sich in ihrem im eigenen Rhythmus zwischen den beiden Lautsprecherpaaren hin und her zu bewegen. Nachdem der Ton ausgeschaltet ist, erfolgt mündlich das sprachliche Framing, die Nutzer machen sich Notizen zum Gehörten. Anschliessend wird das gleiche Vorgehen mit einem zweiten und dritten Paar von Schallaufnahmen durchgeführt.

Konzeptionelle Überlegungen:
Der schnelle Rhythmus des Wechsels zwischen insgesamt sechs Schallaufnahmen soll eine konzentrierte Erfahrung von spezifischen Qualitäten unterschiedlicher Raumtypen in verschiedenen Stadtgebieten in Schlieren ermöglichen. Das gleichzeitige Abspielen von zwei Schallaufnahmen über Lautsprecher erzeugt zwei unterschiedliche Klangräume im gleichen Raum. Indem die Teilnehmenden zwischen den beiden Hörpunkten hin und her wechseln, machen sie die Erfahrung des sich von einem Klangraum in einen anderen Bewegens. Über die Lautsprecher werden diese Klangräume auch physisch spürbar. Das vergleichende Hören der Aufnahmen innerhalb eines Paares soll dabei die Aufmerksamkeit auch für nuancierte Unterschiede und feine klangliche Differenzen schärfen.

Dispositiv Typ 12

Material:
Zwei Bildserien mit je 33 Fotografien aus dem gesamten Stadtraum aus zwei verschiedenen Aufnahmejahren.
Zwei Klang-Serien à je fünf Aufnahmen aus den je gleichen Jahren wie die Bildserien.

Installation und Präsentation:
Ein grosser Monitor ist freistehend im Raum installiert, links und rechts sind zwei Lautsprecher auf Stativen aufgestellt. Die Stühle für die Teilnehmenden sind im Halbkreis davor platziert. Der Operator/Moderator und der Beobachter befinden sich hinter der Stuhlreihe bei Computer und Mischpult.

Ablauf:
Die Teilnehmenden hören ab Lautsprecher fünf direkt hintereinander geschnittene Schallaufnahmen à je drei Minuten Dauer aus dem ersten Aufnahmejahr. Der Monitor bleibt währenddessen schwarz. Anschliessend ist ohne Ton die Bildserie aus dem gleichen Aufnahmejahr zu sehen, die Betrachtungsdauer beträgt 15 Sekunden pro Bild. Darauf erfolgt das gleiche Vorgehen mit den Schallaufnahmen und der Bildserie aus dem zweiten Aufnahmejahr. Das sprachliche Framing erfolgt mündlich zu Beginn, die Teilnehmenden sind aufgefordert, sich während des Hörens und Sehens Notizen zu machen.

Konzeptionelle Überlegungen:
Das Nacheinander der Bild- und Klangserien aus den zwei unterschiedlichen Jahren soll einen Vergleich von Atmosphären und Qualitäten im gesamten Stadtraum innerhalb des gewählten Zeitabstandes ermöglichen. Die je spezifischen Qualitäten bauen sich in der sequentiellen Kombination von auditivem und fotografischem Material, über das nacheinander erfolgende, aufeinander bezogene Hören und Sehen sukzessive auf. Der Rhythmus der auf dem Monitor gezeigten fotografischen Serie stellt einen Bezug her zur Zeitlichkeit und Dynamik des Klanges. Die sequentielle Kombination von Fotografie und Klang soll jedoch keinen homogenen audiovisuellen Raum: der je eigenständige mediale Zugang bleibt wahrnehmbar.

M.W.

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